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Steinbock-Jagd in den Alpen

 

Der Unwiderstehliche...

Am Sonntag abends, es war der 4. Oktober 1998, der zweite eigentliche Jagdtag, hatte Collani einen Riesenhunger. Vorgängig war er noch im Thermalbad, um seine müden Knochen vom Vortag aufzuwärmen. Dampfbäder, Solebäder, kalte und warme Duschen hatten ihn richtig gut getan. Und nun, um seinen Hunger zu besänftigen, ging er in die Küche, um sein Lieblingsmenü zu kochen. Barilla-Teigwaren an einer feinen Pilz- und Tomatensauce! Dazu gab es ein kühles Bier. Ungefähr dreihundert Gramm Teigwaren flogen in die mit Wasser zum Sieden vorbereiteten Pfanne. Während es in der Küche brodelte, bereitete er seinen Rucksack vor. Feldstecher, kleine und grosse Seile, einen Schwamm, all diese Sachen sind nötig, damit die alpine Hochgebirgsjagd auch waidmännisch durchgeführt werden kann. Danach bereitete er die Sauce zu, die dann im Nu gewürzt, mit Rahm verfeinert, gekocht wurde. Er liess es sich schmecken.

S-charl

Piz Mingér (3'081 m)...

Um halb elf Uhr abends kam dann sein Vater nach Hause. „Ja hallo, Collani, wie geht es Dir? Ich habe für Dich noch ein bisschen gefeiert – Du weisst schon, ääh auf Deine Steingeiss. Wir waren bis jetzt in der Crusch’Alba und wir haben Deine Geschichte wieder und wieder erzählt“ „Sooosoo... “ antwortete Collani. „...Ihr habt gefeiert – und ich warte hier auf dich, damit wir für morgen früh abmachen können!“ fuhr er fort. „Sei mir nicht böse, wenn ich für Morgen forfait gebe. In meinem Zustand bin ich nicht in der Lage, mit Dir so hoch hinauf zu gehen. Zudem bin ich ein alter Mann...!“ entgegnete er. Vater war vor kurzem 63 Jahre alt geworden. Und mit seiner Gesundheit stand es auch nicht so besonders. Collani hatte die Schuhe und die Gamaschen vom ärgsten Schlamm befreit. „Jaja, schon in Ordnung, ich werde alleine gehen. Für Morgen habe ich vorgesehen, dass ich auf dem Muot Madlain hochsteige. Dort habe ich nämlich am Samstag eben diese drei Steinböcke meiner Kategorie gesehen ...“ gab Collani zur Antwort. Dabei hatte er die Thermosflasche in den Rucksack gestopft. „Übrigens – es regnet nun in Strömen...“ tönte aus der Küche. Vater war dabei, sein Nachtessen, oder wie nennt man das, wenn man erst um elf Uhr nachts eine kalte Fleischplatte zu sich nimmt, zuzubereiten. „Willst du wirklich morgen früh auf die Jagd?“ fuhr er fort. Collani stellte den fertig gepackten Rucksack vor dem Holzofenkasten. „Ja, ich habe mit Peter um fünf  Uhr abgemacht. Ich werde pünktlich in S-charl sein. Und wenn es wirklich schlimm ist, so kann ich immer noch zurückkehren.“ Seine Gedanken waren bereits in S-charl, dieser schönen, kleinen Gemeinde – auf 1800 Meter über NN. Ein Bijou, ein Juwel. Collani hat schon einiges von dieser Welt gesehen. Aber er ist immer noch der Überzeugung, dass auch in der Schweiz sehr schöne Flecken gibt. „Also, Papa, gute Nacht, ich werde um halb fünf aufstehen ...“ rief Collani in die Küche. „Gute Nacht – und Waidmannsheil ...“ erwiderte Vater. Collani hatte bereits die Haustüre zugemacht. „Waidmannsdank...“ murmelte er, während er die Haustreppe zu seinem kleinen Zimmer hinunterging.

Der Wecker klingelte um zwanzig nach Vier Uhr erbarmungslos. Collani wurde schnell wach. Eigentlich hätte er weiterschlafen können, doch wie heisst ein altes Sprichwort – der Berg ruft – und so kroch er aus seinem warmen Bett raus. Seine am Vorabend vorbereiteten Jagdkleider hatte er schnell angezogen. Danach kochte er heisses Wasser für seinen Morgentee mit Traubenzucker. Nachdem er den Tee fertig getrunken hatte, ergriff er den Rucksack, das Jagdgewehr und den grossen Pirsch-Stock. Die Sachen stellte er im Kofferraum des Wagens. Danach stieg er ein und fuhr los. Es regnete in Strömen. Die Scheibenwischer schienen nicht nachzukommen, die Scheiben vom Regenwasser zu befreien. „... und wenn dies nur gut gehen wird...“ dachte sich Collani. Er verliess die Gemeinde Scuol. Die Strasse  wand sich hinauf zum San Jon hoch. Und der Regen wurde immer schlimmer. Ja – er verwandelte sich in erste Schneeflocken. „ ... Oooh jee –  das wird noch ganz gut. „ sagte Collani, seine Stimme klang niedergedrückt. „Im Notfall kann ich immer noch zurückkommen.“ fuhr er weiter fort. Der Schnee begann schon auf der Strasse anzusetzen. Glücklicherweise hatte er bereits die Winterreifen aufgezogen. Irgendwie hatte er ein Verdacht, dass das Wetter für die diesjährige Steinbockjagd nicht so gut ausfallen würde, wie letztes Jahr. Damals war das Wetter einfach super – ein Bilderbuchherbst, der in der Geschichte eingehen soll, als eines der besten Winzerjahre überhaupt – vergleichbar, wie derjenige im Jahre 1945. „ ... Nun, heute ist heute – und letztes Jahr war letztes Jahr ...“ dachte Collani weiter. Um Fünf Uhr kam er in S-charl an. Er stellte den Wagen beim Parkplatz ab. Sein Parkschein hatte er aus dem Handschuhfach herausgeklaubt. In S-charl schneite es nicht mehr so stark. Er wartete im Wagen. Es verging eine ganze Weile, bis Peter ankam. Sein Cinquecento knatterte laut. Nachdem Peter seinen Wagen am Parkplatz abgestellt hatte, stieg er aus. Danach kramte er seine Sachen raus. Collani stieg vom Wagen aus. Er nahm Gewehr, Rucksack und Stock zum Kofferraum raus. „Guten Morgen Peter – wie hast Du geschlafen ?“ fragte Collani. „Nun, ich habe bis um ein Uhr morgens gearbeitet, danach bin ich schlafen gegangen. Ich habe ein bisschen zu wenig geschlafen. Aber ansonsten bin ich fit.“ gab er zur Antwort. „Wollen wir wirklich hochsteigen – auf dem Muot Madlain?“ fragte er Collani. „Ich denke, im Moment schneit es nicht so stark, die Sicht oben könnte gut sein – ja dies wäre gar keine schlechte Idee.“ gab Peter zur Antwort..

Also machten sich die beiden Jäger auf dem Weg in Richtung Muot Madlain. Zuerst führte eine Strasse hinauf zu den letzten Häusern von S-charl. Danach änderte die Strasse die Richtung. Es ging weiter nach Nordwesten. Der Wanderweg wurde ebenfalls schmaler. Ohne viele Worte zu verlieren marschierten sie hinauf. Peter hatte eine bessere Taschenlampe, denn diejenige, die Collani hatte, ging die Batterien schon relativ früh zuneige. „Peter – ich habe ein Problem...“ flüsterte er ihn zu, gerade so laut, dass er es hören konnte. „Meine Lampe gibt den Geist auf...“ fuhr er fort. „Warte – ich habe noch eine Ersatzlampe, halte mal mein Prügel (Peters Wort für seine Waffe).“ antwortete er. Er machte die Seitentasche seines Rucksackes auf, klaubte ein Moment lang darin herum und zückte dann die Ersatztaschenlampe hervor. „Oohh danke...“ entgegnete ihn Collani. „Ist schon OK -  dies kann jedem mal vorkommen“ antwortete Peter. Es regnete nun ein bisschen stärker. Je höher die beiden passionierten Jäger hochstiegen, desto stärker wurde auch der Wind. Schneetreiben hatte nun eingesetzt. „Vielleicht ist es gar keine gute Idee, bei diesen Verhältnissen auf die Jagd zu gehen...“ dachte Collani, nachdem beide wieder losmarschiert waren. Der Pfad führte vorbei an einem Holzbänkchen. Von hier aus kann man bei schönem Wetter in das andere Seitental reinschauen. Doch an diesem Morgen sah man nur Schneetreiben. Nach ungefähr einer dreiviertel Stunde kam die Abzweigung zum Spiegelplatz. Sie entschieden sich für eine kleine Rast in der kleinen Holzblockhütte. Collani hatte während dem Aufstieg ein bisschen geschwitzt, so dass er nun einen Pullover überziehen musste, um sich nicht zu erkälten. Danach legte er sich einen Moment auf die harte Holzbank nieder. „Aach ....  das tut gut“ seufzte er leise. Peter hatte seine Thermosflasche zum Rucksack rausgenommen und einen kräftigen Schluck Tee genommen. „Dieses Scheisswetter – und wir Spinner gehen noch raus. Nicht einmal einen Hund würde man bei diesem Sauwetter rausschicken“. sagte er. „Jaaajaa – schon gut. Aber um erfolgreich zu jagen, muss man halt auch bei solchem Wetter raus. Nicht immer nur das schöne Postkartenwetter, sondern auch einmal bei widrigen Verhältnisse sollte der echte Waidmann seine Fähigkeiten beweisen“ antwortete Collani. Draussen wurde es langsam hell. Peter stand auf und ging raus. Collani nahm sein Fernglas und folgte ihm. Dicke Nebelschwaden kamen wie Fahnen vom Tal Val dal Poch zu ihnen hoch. Das Schneetreiben hatte aufgehört. Die Sicht betrug maximal einhundert Schritt. Und auf dieser Höhe von 2048 Meter über NN war es eben nicht sehr warm. Collani dachte an die noch verbleibende Strecke bis hoch zum Muot Madlain. Immerhin noch mehr als sechshundert Höhenmeter waren noch zu bewältigen. Er war in einer sehr guten Verfassung, doch wie sah es mit Peter aus? „Los, wir müssen weiter...“ unterbrach Peter die stille der Morgendämmerung. Beide packten ihre Rucksäcke zusammen. Ohne weitere Worte zu verlieren, nahmen sie den Weg unter den Füssen. Der Schnee war bereits vereist, so dass jeder Schritt knirschte. „Dieser steile Hang vom Muot Madlain hat schon den stärksten Mann umgehauen.....“ dachte Collani. Er hatte zwar seinen Rhythmus gefunden, doch die Müdigkeit der Strapazen vom ersten Jagdtag sassen immer noch in den Knochen. Er drehte sich nach Peter um, um zu schauen, wie er es hatte. „Gehe nur weiter deinen Schritt“ antwortete er, ohne dass Collani nur zu Wort kam. Er hatte seine Geste verstanden. „Soll ich Deine Waffe tragen?“ fragte Collani. „Nein, nein, nicht nötig – ich komme schon hoch.“ entgegnete Peter.

Der Wind blies oberhalb der Waldgrenze giftiger. Collani hatte seine Jagdutensilien unter einer der letzten Föhren gelegt. Danach nahm er frische Wäsche zum Rucksack raus. Er machte einen klassischen Jägerstriptease, das bedeutet, dass man alles wechselt, damit man nachher beim Ansitz nicht wie ein Schlosshund schlottert. Man könnte ja das Wild mit dem Zähneklappern vertreiben! Er hatte sich bereits neu angezogen, da kam auch Peter, pustend, wie eine Dampflokomotive, an. „Siehst Du – auch ich komme an, es ist nur eine Frage der Zeit.“ keuchte Peter. Gleichzeitig glaste Collani die Blaisch da Madlain ab. Es waren keine Tiere auszumachen. Irgendwo in einer Nebelbank krähte ein Kolkrabe. Aber sonst war die Sicht hier oben viel besser.  „Nichts zu sehen – aber schon gar nichts!“ antwortete Collani. Er glaste weiter nach Norden, hoch zum Piz Madlain, dann runter in Richtung Ils Cotschens und am Schluss rüber in den Gegenden vom Cuogn da Sesvenna. Das wird garantiert wieder eine Schneider-Runde“ bemerkte Peter, sein Ton war gereizt. Er hatte ebenfalls seine verschwitzten Kleider gewechselt. Danach nahm er einen weiteren kräftigen Schluck Tee. „Wenn wir schon da sind, so werden wir jetzt noch den letzten Teil auch schaffen...“ munterte Collani ihn auf. „... und überhaupt – geniesse jeden Tag, so wie er kommt, du weisst nie, ob du jemals wieder so etwas machen wirst.“ „Genau – bei so einem Scheisswetter -  neee, nie wieder“ antwortete Peter schroff. Denn eines muss man erwähnen, dem Collani macht Kälte gar nichts aus, jedoch bei Wärme, da hat er enorme Schwierigkeiten. Diese Erfahrungen musste er bei seiner Weltreise, in Australien, schmerzlich erfahren.

Es war schon nach sieben Uhr morgens, als die beiden Jagdkameraden weiter durch den fast knietiefen Neuschnee stampften. Der Weg war nicht mehr so steil, wie derjenige, ab der Abzweigung des Spiegelplatzes. Sie mussten nun viel langsamer fortbewegen, um einerseits nicht ins Schwitzen zu kommen, und andererseits das hoffentlich anzutreffende Wild zu vergrämen. Während immer wieder kleinen Unterbrechungen wurden die Hänge und die Felsen abgeglast. Manchmal nur zwei Minuten, manchmal auch länger. Es war wirklich nichts auszumachen. Collani‘s Gedanken kreisten immer wieder um den Moment, als er die schöne, zweijährige Steingeiss mit einem Tiefblattschuss erlegen konnte. Doch heute schien Diana gar nicht hold zu sein. Peter und Collani wechselten vom sanften Hügel des Muot Madlain runter in eine kleine Mulde. Es lag mehr als dreissig Zentimeter Neuschnee. Collani‘s Bergschuhe mit den zusätzlich montierten Steigeisen taten ihren Dienst. Denn, wenn man hier hoch oben einen Fehler macht, so kommt man unweigerlich im Tal unten an, ohne Zwischenhalt! Es ging weiter hoch Richtung Piz Madlain. Und wieder zogen dicke Nebelschwaden von Val Sesvenna hoch. So dicke, dass man weniger als sechzig Schritt sah. Sie wurden gezwungen, einen geeigneten Platz zum Abwarten auszusuchen. Am Rande eines Couloirs haben sie sich postiert. Peter breitete seine Plastikpelerine aus, damit seine Sachen nicht nass wurden. Collani tat dies mit seiner Schlafsackunterlage aus Schaumgummi. Das grosse Fernrohr wurde auf das Dreibeinstativ befestigt. Danach machte sich er daran, ein bisschen Proviant zu essen. In dieser Zeit glaste Peter wieder sämtliche Felsen und Hänge ab – hinauf und hinunter. Und immer wieder wurde das Glasen durch Nebelschwaden unterbrochen. Als Collani eben einen Schluck seines Tees genommen hatte, rief Peter ganz aufgeregt. „Da – unter uns – auf circa vierhundert Schritt – da sind Steinböcke. Sofort war bei Collani die Nervosität da. Blitzartig nahm er sein Glas zur Hand. „Wo genau – wo .. wo genau.“ fragte e er nach. Und Peter erklärte ihm. Unterhalb eines Felsvorsprunges lugten drei Böcke hervor. Einer war gross, zwischen sechs und zehn Jahren, der zweite war ein mittelalterlicher und der dritte war einer der Jugendklasse, zwischen eineinhalb und dreieinhalb Jahre. Collani zitterte – vor Aufregung – und nicht vor Kälte. Denn ihm wurde ein Bock der Jugendklasse zugeteilt, also genau so einer, wie der kleine von den dreien. Er nahm sein Spektiv zur Hilfe. "Tatsächlich – da ist einer, meiner Kragenweite – Distanz vierhundert Schritt“. Collani hatte schnell mit seinem Distanzmesser nachgemessen – dreihundertfünfzig Meter. Beide Jäger beobachteten diese drei Steinböcke ganz genau. Der Wind stand gut für die Waidmannen. „Wenigstens sind wir diesmal höher als das Steinwild...“ bemerkte Peter - ganz stolz, auf seiner Leistung hinweisend. „Natürlich sind wir gut...“ bestätigte Collani – sie waren ja auf einer Höhe von 2700 M. ü NN. Er schmunzelte. „... es hat sich doch gelohnt, hier raufzukommen – nicht wahr?“ „Ja, du hast recht...“ erwiderte Peter.

Während sie die drei Böcke beobachteten, tauchte urplötzlich, auf ihrer Höhe, wie aus dem Nichts ein prächtiger Steinbock auf. Peter sah in als erster. „Collani – schau mal da rüber, ungefähr neunzig Schritt von uns entfernt...!“ Collani überkam ein so wildes Jagdfieber, dass er nur noch zitterte. Sofort nahm er seine Blaser, im Kaliber 10.3x60R, zur Hand. Er schaute diesen Prachtkerl vorgängig noch mit seinem Glas an. „Schade – dieser ist zu gross für mich. Er ist wirklich zu gross für mich!“ Collani betrachtete das Tier ganz genau. Es war ein mittelalterlicher, sehr starker Bock. Die Hörner hatten eine weite Auslage. Die Geschwülste waren ausgeprägt und das Gewicht schätzte Collani auf circa fünfzig bis sechzig Kilogramm. Peter musste lachen, als er Collani beobachtet hatte. Ihm schien sehr ungewöhnlich, dass Collani solche Reaktionen zeigen konnte. Denn Peter kannte ihn immer als sachlich korrekten und pflichtbewussten Mann. Aber auf solch ein spontaner Jagdfieberanfall war Peter gar nicht gefasst. Für Peter kam dieser Steinbock im Moment nicht in Frage. Er musste ja zuerst eine Steingeiss erlegen. Erst dann konnte er sich auf solch ein Tier konzentrieren. Für Collani jedoch war heute Bockjagd angesagt. Der Bock hatte die beiden Jäger nicht bemerkt. Der Wind stand immer noch gut, so dass dieser Kerl gemächlich hochkletterte, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Collani glaste nun weiter die Hänge des Ils Cotschens ab. Er erspähte ein weiteres Tier. „He Peter, da habe ich was für Dich entdeckt. Schau mal dort hinauf, zwischen den Flanken und den Felsen, gerade unterhalb der schwarzen Felsplatte! Es scheint eine Steingeiss zu sein.“ Und plötzlich war Peter in einer Nervosität. Er nahm sein Spektiv zur Hand und richtete es in Richtung Tier. „Ja – aber ich weiss nicht – was meinst du, ich glaube, ist es...“  Peter zögerte mit seiner Antwort. „... ist es nicht ein junger Bock, ein eineinhalbjähriger, der gerne als Geiss angesprochen wird. Collani sah dieses Tier noch einmal ganz genau an. Nach einer Weile bestätigte er. „Es ist ein junger Bock, den Pinsel habe ich eben sehr gut gesehen.

Collani auf den Piz Plazer...

Collani auf den Piz Plazer (3'104 m)...

Collani stand auf und ging ein paar Schritt hinunter, zu einem kleinen Vorsprung. Er glaste die vor unter ihm liegende Hochebene. Plötzlich sah er eine Gruppe schwarzer Punkte. „Woww ein ganzes Rudel Steinböcke. Eins, zwei, drei...“ Collani fing an zu zählen. Es waren dreizehn Tiere. Alles Böcke. Ein ganz alter, über zehn Jahre. Dann drei Böcke zwischen sechs und zehn Jahren, fünf mittelalterliche zwischen fünf und sechs Jahren und der Rest war alles in der Jugendklasse einzuordnen. Collani duckte sich langsam, und ging hinauf zu Peter. „Da unten ist ein ganzer Trupp Steinböcke – dreizehn Stück, ungefähr vierhundert Schritt entfernt. Und drei Stück sind ganz sicher in meiner Klasse.“ berichtete er, ganz aufgeregt. Beide nahmen ihre grossen Spektive mit und gingen hinunter zu diesem Vorsprung. Die Tiere wurden von den Jägern sorgfältig angesprochen. Es entsprach den Angaben von Collani. Nun war der Augenblick für Entscheidungen gekommen. „Peter – hör zu, ich werde folgendes Vorgehen  unternehmen. Zuerst werde ich noch etwas Marenda (Brotzeit) machen, danach werde ich versuchen, auf Schussdistanz anzupirschen. Von hier aus habe ich circa eine halbe Stunde Anpirsch. Wir haben nun zehn Uhr dreissig.“ Peter hörte aufmerksam zu. „OK – ich werde hier oben bleiben. Vielleicht wird ja doch noch eine Geiss auftauchen, und dann...“ Collani hörte die Enttäuschung, die aus Peters Antwort klang. „Macht es dir nichts aus, wenn ich nun alleine auf einer dieser Böcke angehe?“ fragte Collani ihn. „Natürlich nicht – du währst ein Idiot, wenn du eine solche Chance nicht nützen würdest. Also packe Deine Sachen zusammen, und dann gehe auf Schuss.“ erwiderte Peter energisch. „Zuerst mache ich Marenda – das gehört auch dazu, ich muss bei Kräften sein, um erfolgreich zu sein.“ „Mann – Deine Nerven möchte ich haben...  ha...  ha... ha...“ antwortete Peter.

Nachdem Collani zwei Landjägern, ein Stück Schokolade mit einer Scheibe Brot verschlungen und einen grossen Schluck Schwarztee mit Traubenzucker getrunken hatte, packte er seine Siebensachen zusammen und machte sich auf den Weg. „Waidmannsheil...“ rief Peter nach. „Waidmannsdank...“ antwortete Collani. Er pirsche ganz langsam Richtung Westen hinunter. Dieses Gebiet kannte er gut, er wollte auf Nummer sicher gehen. Er machte einen Bogen um die Tiere. Immer wieder kroch er rüber zur Kante des Muot Madlain, um zu beobachten, wo die Böcke waren und was sie taten. Die Sicht war wieder schlechter geworden. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt. Collani Brille lief an, weil er vor Aufregung schwitzte. Er musste sie mehrmals putzen. Das Rudel war nicht auszumachen. Also pirsche er weiter – Schritt für Schritt – ganz langsam. Er hatte Zeit, viel Zeit. Und er brauchte sie auch. Mehr als eine halbe Stunde verging, als er das Rudel circa neunzig Schritt von ihm entfernt sah. Ein Anblick war das! So wunderschön. Collani machte alles bereit - den Rucksack so gelegt, dass er es als Tarnung benutzen konnte. Weiter wurde die Waffe griffbereit auf die Schlafsackunterlage hingelegt. Zusätzlich nahm er das Merkblatt “Ratschläge für die Jagd auf Steinwild“ heraus. Er beschwerte es mit zwei grossen Schneeballen, damit der Wind es nicht fortwehen konnte. Und der Wind blies sehr stark, er stand zwar für den Jäger sehr gut, aber er blies so stark, dass er mehrmals noch seine Brille und sein Glas putzen musste. Ebenfalls hatte er das Spektiv justiert. Und so konnte er sich vergewissern, dass der dreieinhalbjähriger Bock für ihn erlaubt war. Immer wieder verglich er die Hörner des Bockes mit den Fotos des Merkblattes. „Ja – ganz genau, das ist mein Bock, er ist dreieinhalb Jahre alt. Ein wunderschöner Bock!“ Collani war seiner Sache sehr sicher. Nur stand dieser Bock genau vor dem sehr alten Bock. Der alte schien im Stehen zu dösen, den er bewegte sich um keinen Zentimeter. Collani musste warten, warten, bis sein Bock weit genug entfernt vom alten war. Und nur dann könnte er einen sicheren Schuss antragen. Die Zeit verstrich. Die gefrorenen Schneeflöckchen peitschten ihm ins Gesicht. Nun entfernte sich der „Unwiderstehliche“, wie Collani ihn ab nun an getauft hatte, vom alten Bock. Die Brille war wieder mit Schnee bedeckt. Also musste er wieder ein Taschentuch hervorzücken, bevor er seine Waffe in Anschlag nehmen konnte. Er putzte seine Brille. Jaja – so eine Brille ist in solchen Situationen schon ein Nachteil. Danach fand das Fadenkreuz seines Zielfernrohres schnell und sicher sein Ziel. Er liess die Kugel fliegen. Der „Unwiderstehliche“ zeichnete sofort – er bäumte auf und dann sackte er zusammen. Das Rudel hingegen stand regungslos da. Collani lud seine Blaser nach. Plötzlich machte der junge Bock anstalten, aufzustehen um die Flucht zu ergreifen. „...lieber einen Fangschuss geben, als eine Nachsuche...“ dachte er, und liess die zweite Kugel fliegen, die dann tödlich traf. Im zweiten Knall stürmte das Rudel seitlich hoch, angeführt vom alten Bock. Nun stand Collani auf. Es war inzwischen 11.40 Uhr geworden. „Jeeehaaaa...!!“ schrie er lauthals, abermals. Das Echo kam mit Verspätung zurück. „Ich habe ihn – ich habe ihn – jawohl – jeeehaaa „. Seine Freude schien grenzenlos.

Er packte seine Sachen zusammen. Seine Hände zitterten wie Espenlaub. Die Waffe wurde entladen und gesichert. Die restlichen Utensilien im Rucksack verstopft. Danach wartete Collani eine halbe Stunde. In der Zwischenzeit hatte es aufgehört zu schneien. Die Sonne drückte auch schon durch die Wolken. Er machte wiederum Brotzeit, um zu Kräften zu kommen. Einen Schluck des mitgenommenen Waidmannstrunkes durfte ebenfalls nicht fehlen. Nun hiess es, die rote Arbeit zu verrichten.Collani kletterte zum Steinbock hinunter. „Ich habe es geschafft, ganz alleine, ohne fremde Hilfe, anzupirschen, das Alter zu bestimmen und dann erfolgreich zu sein“ sagte er mit Überzeugung. Auf einer Höhe von 2360 Meter über NN war ihm Diana wohlgesinnt. Und immer wieder schaute er die Trophäe an. Das Gebiss wurde ebenfalls inspiziert. „Komisch – nur vier Schaufeln ausgeschaufelt – das bedeutet zweieinhalb Jahre?? Ne – dieser ist garantiert dreieinhalb jährig, ohne Zweifel“ Es kommt schon manchmal vor, dass das Gebiss nicht unbedingt dem Alter entsprechend ausgeschaufelt sein kann. Der Bock wurde für anstehende Fotos in Position gebracht. In der Zwischenzeit kam Peter zu ihm hinunter. Er hatte die Schüsse gehört. „Gratulation... “ rief Peter  „... ist er auch erlaubt?“ fragte er gleich nach. „Ja – ich denke schon, ich habe ihn für dreieinhalbjährig angesprochen, doch schau du mal nach und sage mir dann, wie alt er ist“ antwortete Collani. Er war seiner Sache sicher. Peter beugte sich vor, nahm das Gehörn in die Hand. „Dreieinhalb Jahre – bravo Collani – eine schöne Trophäe – ein wunderschöner Steinbock“ Peter überreichte Collani den Bruch, der aus Gräsern bestand, und gratulierte ihm zu dieser gelungenen Jagd.

Steinbock in der Jugendklasse...

Ein Steinbock in der Jugendklasse...

Die rote Arbeit wurde verrichtet, und Peter half dabei. Nachdem die restlichen Sachen gepackt wurden, wurde der „Unwiderstehliche“ für den Transport vorbereitet. Mit jeweils einem Seil an das Gehörn und an den Hinterläufen gebunden, machten die beiden Jäger auf dem Heimweg. Das Wetter wurde wieder schlechter. Peter meinte, dass sie das Erbeutete hinauf zum Muot Madlain hochziehen müssten, denn die Bergung hinunter zur Val Sesvenna war bei diesem Neuschnee wegen Lawinengefahr viel zu gefährlich. Also ging Collani vor, und Peter kam nach. Sie kamen hinunter zur Waldgrenze. „Ich schlage vor, dass wir das Tier über Nacht hier lassen. Du musst ja um 14:00 Uhr wieder im Tal sein. Und alleine kann ich dieses Gewicht von circa vierzig kg nicht tragen“. sagte Collani. „Einverstanden...“ antwortete Peter „... wir werden den Bock hier, am Stamm dieser Föhre, anbinden. Gib mir bitte ein gebrauchtes Sweatshirt von Dir, damit wir die Füchse und sonst noch wer, fernhalten können“. Peter wickelte ein total verschwitztes Kleidungsstück um das Gehörn des „Unwiderstehlichen“. Danach machten beide eine kleine Rast. Und nach der Rast wurde der Weg zurück ins Tal angetreten. In S-charl angekommen, wurden die beiden Jäger bereits erwartet. „Hast du so laut gebrüllt...?“ fragte Heinrich. Er war ebenfalls auf Steinbockjagd, doch er hatte an diesem Tag kein Glück. „Ich habe Deine Jauchzer bis in der Alp Sesvenna gehört.“ fuhr er fort. „Ja – richtig...“ antwortete Collani. „Wir gingen heute morgen........“ und er erzählte in kurzen Sätzen die Geschichte seiner Steinbockjagd. Nach dem obligatorischen Waidmannstrunk, auch Palorma genannt, wurde die Fahrt in Richtung Scuol angetreten. Und am Abend wurde der Erfolg – mit Vater – gebührlich gefeiert. Eine Pizza vom Pizzaservice wurde telefonisch bestellt, doch bis diese Pizza, mit Umwegen angekommen war, waren Vater und Sohn bereits so guter Laune (... Palorma!!), dass der Hunger nicht mehr gross war.

Peter als Sherpa...

Peter als Sherpa...

Am darauffolgendem Morgen fuhren Josef und Collani nach S-charl. Sie hatte Bergungsmaterial mitgenommen. Dazu gehörte eine Art Plastikbehälter, der als Rettungsschlitten dienen sollte. Das Wetter war immer noch nicht gut, jedoch hatte es aufgehört, zu schneien. Sie nahmen den Aufstieg zum Muot Madlain in Angriff. Nach zweieinhalb Stunden Marsch kamen sie an der besagten Föhre. Collani entfernte das Kleidungsstück vom Gehörn des Steinbockes. „Woww...“ stammelte der Vater, „... das ist ja ein wunderbares Prachtstück.....“ fuhr er fort. Er nahm Collani in den Arm und gratulierte abermals für seinen Erfolg. „Jeeehaaaa...!“ schrie Collani in die weite Welt. Ob jemand ihn wieder gehört hatte? Aber dies war nun nicht wichtig. Denn wichtiger war die Bergung des „Unwiderstehlichen“. Das Tier wurde auf den mitgebrachten improvisierten Rettungsschlitten gebunden – und dann ging die Post ab. Beide schienen regelrecht nach S-charl zu gleiten. Die Strapazen des Aufstieges waren vergessen – nun hiess es, so schnell wie möglich hinunter in das kleine Dorf. Es sollten alle sehen, was für ein guter Jäger der Sohn von Josef war. Voller Stolz wurde der Steinbock am Dorfplatz präsentiert. Dabei wurde auch kräftig Palorma (Waidmannstrunk) verteilt und getrunken. Sichtlich müde, jedoch enorm erleichtert schaute Collani um sich herum. Er nahm eine Freude wahr, die er selten mehr erlebt hatte. Alle schienen sehr glücklich über den Erfolg des Jägers. Dass er die Steinbockjagd in nur zwei Jagdtagen erfolgreich beenden würde, hätten viele nicht für möglich gehalten. Deshalb hatte er eine Wette abgeschlossen, dass er sich seine schönen langen Haare schneiden lassen werde, wenn er die Steinbockjagd in der ersten Woche erfolgreich beenden würde. Dank seiner intensiven Vorbereitung, physisch wie auch psychisch, ist es ihm auch gelungen. Es gibt nichts Wichtigeres, als sehr gute Vorbereitung, körperlicher, mentaler und schiesstechnischer Hinsicht. Natürlich braucht es auch ein bisschen Glück, jedoch um wirklich richtig zu jagen, braucht es auch eben die notwendigen Grundvoraussetzungen.

Die Masse des erlegten dreieinhalbjährigen Steinbockes betrug: rechts 35.6 cm, links 35.2 cm, das Gewicht wurde mit 37 kg als eher schwach angegeben. der Basisumfang rechts beträgt 22.3 cm, links 21.9 cm. Die Geschwülste sind beiderseits sehr ausgeprägt und fast symmetrisch. Alles in allem eine schöne Trophäe, die der Jäger noch lange Freude daran haben wird.

 

 

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