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Steinbock-Jagd in den Alpen

 

Gerda's Steinbock-Jagd...

Die Vorfreude war gross, als ich im Juni 2005 Bescheid bekam, dass ich dieses Jahr ausgelost wurde um auf die Steinbockjagd zu gehen. Sofort wurde die Ferien­wohnung für 3 Wochen in Bivio gemietet. Ich wollte genügend Zeit haben, denn das Wetter spielt bei dieser Jagd auch eine grosse Rolle. So hoffte ich, von  Schnee und Nebel verschont zu bleiben. Aber alles kam anders.

Am 2. Oktober empfing mich Bivio mit 40 cm Neuschnee. Am Montag wollten mein Jagdbegleiter und ich uns vorgängig orientieren, in welcher Gegend die Steingeissen sich aufhielten. Aus diesem Vorhaben wurde nichts es hatte zu viel Schnee.

  Bivio, mit 40 cm Neuschnee...

Am Dienstag 4. Oktober fing die Jagd offiziell an. Es schneite nicht mehr und wir pro­bierten mit dem Subaru wenigstens auf die Alp zu fahren und von dort aus zu Spiegeln. Wer weiss, vielleicht kommen uns die Steingeissen ja etwas entgegen.

Auf die Alp fahren, dass war nur ein Wunschtraum. Schon bei der ersten steilen Kurve liess uns das Auto im Stich! Also machten wir uns zu Fuss auf den Weg. Wir stampften uns durch die Schneemassen. Staunten nicht schlecht über die grossen Trittsiegel der Hirsche die vor uns auch diese Strasse benützten. Nach 1 ½ Stunden kamen wir auf der Alp an. Wir spiegelten alles genau ab, aber ausser ein paar Gämsen liess sich nichts blicken. Also versuchten wir, weiter ins Tal hinein zu kommen, da wo sich um diese Zeit die Steingeissen aufzuhalten pflegten.  Nach weiteren 1½  Stunden mussten wir allerdings das Vorhaben aufgeben. Der Schnee war einfach zu hoch und es brauchte sehr viel Kraft um vorwärts zu kommen. Wir gingen zurück zur Alp um nochmals alles genau abzuspiegeln. Wenigsten haben wir uns bereits ein Stück Weg vorgestampft so sollte es am nächsten Tag etwas besser gehen.

  Schneestampfen...

Am Mittwoch ging ich zuerst zum Autohändler und liess die Winterpneus montieren. Denn es war einfach unmöglich irgendwo hochzufahren. Hans mein Jagdbegleiter ging in dieser Zeit nochmals zur Alp. Er wollte jetzt unbedingt die Steingeissen sehen und machte sich auf den Weg bis zu den Felsen, wo diese noch im September stan­den. Als er endlich bei jenem Punkt ankam war kein Tier weit und breit zu sehen. Also gingen wir am Abend Richtung Julierpass und siehe da, die Steingeissen hatten sich bereits in ihr Winterquartier begeben. Hoch oben am Julier waren sie auf der Weide. Also mussten wir eine neue Strategie ausdenken, wie wir trotz Schnee und schlechten Windverhältnissen  diese Steingeissen anpirschen konnten.

Am Donnerstagnachmittag machten wir einen Versuch und wagten einen Aufstieg bis zu den Weiden, wo wir diese am Vortag gesehen hatten. Der Wind war nicht optimal und es liess sich an diesem Abend keine einzige Steingeiss blicken. Also gingen wir in die warme Stube. Denn heute hatte sich noch Marco angemeldet um uns für die nächsten 3 Tage zu begleiten und tatkräftig zu unterstützen. Wir machten uns einen gemütlichen Abend und besprachen das Vorgehen für den nächsten Tag.

Am Freitag fuhren wir ein Stück Richtung Julierpass und spiegelten zuerst alles ab. Die Steingeissen war noch da. Jetzt hiess es aber weiträumig umgehen. Also machten wir uns auf den Aufstieg. Der Himmel war bedeckt und ab und zu kamen sogar Schneeflocken herunter. Schon bald waren wir wieder im Schnee und das gehen wurde mühsamer. Wir stiegen bis zum höchsten Punkt ca. 2400 Metern und traversierten dann Richtung Geissen. Ganz vorsichtig schauten wir über die Felsköpfe herunter ob wir an der richtigen Stelle waren. Jetzt blies uns auch ein kalter Wind um die Ohren. Wir zogen unsere warmen Pullover aus dem Rucksack an und ein warmer Tee und etwas zu essen konnte auch nicht schaden, denn schliesslich war es bereits Mittag geworden.  Unter uns hatten wir kleine Steinböcke ausgemacht, die Geiss die dabei lag war aber plötzlich verschwunden. Nun machten wir uns wieder daran ein Stück weiterzugehen bis zu den nächsten Felsköpfen.  Jetzt lagen plötzlich Steingeissen mit Kitzen etwas tiefer vor uns. Da hat es sicher auch etwas für mich dabei. Ich machte meinen Stutzer bereit während meine 2 Jagdbegleiter das Rudel näher betrachteten. Ja richtig, da war ja noch eine zweieinhalbjährige und auch eine ältere Geiss dabei. Ich kroch auf die Felskante und machte mich bereit. Endlich stand die richtige Steingeiss alleine und ich konnte ihr einen guten Schuss anbringen. Die Erleichterung war gross als wir sahen wie sie auf den nächsten Felsvorsprung fiel. Ich konnte es zwar noch gar nicht richtig fassen den im entscheidenden Moment muss alles sehr schnell gehen. Jetzt mussten wir einen Weg finden um zum Tier zu gelangen was auch nicht gerade einfach war bei diesem Schnee. Aber die Freude beim Anstossen auf das Weidmannsheil aber übergross.

  Gerdas Steingeiss...

Jetzt konnten wir uns ganz gemütlich auf den Abstieg machen. Wir hatten noch genügend Zeit, denn es war mittlerweile 14:30 Uhr.

  Abtransport...

Ich war aber froh, als mir Marco diese schwere Bürde abnahm.  Er trug mir die Steingeiss bis vor die Haustüre!! Eine tolle Leistung.

  Abtransport...

Jetzt gingen wir zum Jagdaufseher und wollten von ihm wissen, wo den die Steinböcke auf uns warteten. Es war für ihn keine leichte Aufgabe, denn durch die hohe Schneemenge waren die Tiere zum Teil in andere Gebiete abgewandert.

Am Samstag war der Wetterbericht gut und so wollten wir die Tour auf Grevasalvas machen. Auf dem Julierhospiz konnten wir das Auto abstellen und dann zu Fuss hinauf. Zum Glück waren bereits Steinbockjäger auf dieser Seite hochgestiegen und so hatten wir wenigstens am Anfang einen vorgespurten Weg. Heute begleitete uns sogar die Sonne und wir mussten die Sonnenbrille aufsetzten. Das war mir auch noch nie passiert, dass ich mit der Sonnenbrille auf die Jagd ging.

  Wiederaufstieg...

Der Aufstieg war lang, aber wunderschön. Steinböcke bekamen wir den ganzen Tag nicht zu Gesicht. Die Aussicht von der Fuorcla Grevasalva auf Maloja und den Silsersee war aber auch nicht schlecht. Um 15:00 Uhr machten wir uns wieder auf den Abstieg. Heute wollten wir nicht zu spät nach Hause kommen, wir hatten ja schliesslich noch einen Geburtstag zu feiern.

  Alpines Panorama!

Heute blieb es bei der schönen Wanderung. Morgen war ja wieder ein Tag. Aber nach dem Feiern am Samstagabend blieben wir am Sonntagmorgen etwas länger liegen. Am Samstag informierten wir noch den Jagdaufseher, dass weit und breit keine Steinböcke zu sehen gewesen waren. Er bekam bereits aus dem Bergell vom dortigen Wildhüter bericht, dass die Kolonie bei ihm eingetroffen war.  Also, was nun? Jetzt blieb uns noch das Val d’Err. Dieses Tal kannten wir alle nicht, und so starteten wir am Sonntag um 13:00 Uhr um den dort zuständigen Wildhüter zu treffen. Das Tal war wunderschön. Unten war der Schnee bereits wieder geschmolzen aber in den höheren Lagen hielt er sich hartnäckig. Der Wildhüter konnte uns bereits Steinböcke zeigen. Aber wie immer hoch oben und sehr weit weg!!

  Abendstimmung in Val D'Err...

Also machten wir erneut einen Versuch diese etwas aus der Nähe zu beobachten. Wir stiegen über die Grasflanken immer höher und höher. Die ersten Gams die am Weiden waren hatten uns leider im Wind und zogen ziemlich schnell Richtung Steinböcke. So wurden diese natürlich auch aufmerksamer. Da in der letzten Woche bereits 3 Tiere geschossen wurden, waren sie sowieso etwas vorsichtiger geworden. Wir kamen noch auf ca. 300 Metern heran aber leider nicht mehr. Um 18:00 Uhr bliesen wir die Übung ab da es sonst zu dunkel wurde. Wir hatten ja noch Zeit und der Wetterbericht hatte jetzt immer etwas besseres Wetter vorausgesagt. Leider verliess uns Marco am Sonntagabend wieder und Hans und ich mussten nun wieder alleine unsere Strategien besprechen.

Deshalb hiess es für uns am Montag früh wieder ins Val d’Err. Die Steinböcke vom Vortag waren nicht mehr zu sehen. Wir nahmen an, dass diese jetzt hinter dem Berg waren. Wir beschlossen den Aufstieg Richtung Ela-Pass und hofften so, auf die Steinböcke zu stossen. Wieder mussten wir auf ca. 2600 Metern hinauf. Wir hatten wunderschönes Wetter, allerdings war es in der Nacht immer um 0 Grad und am morgen gab es bereits kalte Finger beim Spiegeln.

  Sherpa bei der Alpinen Jagd...

Nach 3 Stunden hatten wir es geschafft. Wieder hiess es gut schauen, wo hielten die sich wohl versteckt? Schlussendlich fanden wir sie auch, aber fast auf 3000 Metern Höhe - und in einer steilen Felswand. Von dieser Seite war kein näherkommen möglich. Die lagen im Schnee und Schatten und es war ihnen anscheinend ganz wohl dabei. Ich war froh, dass ich etwas Sonne hatte, denn sonst wäre es zu kalt gewesen so lange rumzusitzen. Bevor wir uns auf den Abstieg machten, hielt Hans noch Ausschau ob sich nicht noch ein anderes Rudel im Kessel befindet. Er kam zurück mit der Botschaft, dass sich zwei mittelgrosse Böcke auf der Weide befanden.

  Die Hänge abglasen...

Da wir die Gegend zu wenig gut kannten machten wir uns auf den Abstieg und beobachteten die Böcke von unten etwas genauer. Mit dem Spektiv konnten wir feststellen, dass beide für mich in frage kämen. Ein Bock war etwas älter, wir kamen auf ca. 8 ½ und  7 ½  Jahre.  Also wollten wir am Dienstag morgen wieder früh zur Stelle sein um zu sehen, wo diese sich am Mittag hinlegten.

Dienstag früh, 8:00 Uhr waren wir wieder zur Stelle. Die Böcke hatten schon eine grosse Strecke zurückgelegt und wechselten jetzt die Seite. Wir konnten sie bis um Mittag, wo sie sich in den Felsen verkrochen, beobachten. Das machte die ganze Sache sehr spannend. Jetzt waren wir auch ganz sicher, dass ich einen von diesen schiessen konnte. Aber wie kamen wir an sie heran. Am Nachmittag probierte ich im Alleingang einen Aufstieg zu den Böcken. Hans sollte diese weiter beobachten, so dass wir sie ja nicht aus den Augen verloren. In der Annahme, dass sie den gleichen Weg zurücknehmen wie sie gekommen waren, legte ich mich auf die Lauer. Aber die Rechnung ging für mich nicht auf. Sie wechselten wieder die Seite und begaben sich in ein anderes Tal.

  Das Tal Val Alongo. Ganz rechts mit Schnee bedeckt. Auf dem Übergang zwischen Schatten und Sonne hatten wir die Steinböcke zuletzt gesehen...

Also waren wir am Mittwoch früh, um 8:00 Uhr zur Stelle um zu sehen wo sie diesmal weideten. Gottlob fanden wir sie schnell wieder mit dem Spektiv. Diesmal im Val Alongo. Der Wildhüter hatte mir versprochen, dass er heute um ca. 10 Uhr auch ins Tal kommt um zu sehen was wir machen könnten. Wir konnten ihm genau berichten, wo die zwei in der Felswand verschwunden waren. Denn zu diesem Zeitpunkt waren sie schon nicht mehr zu sehen. Da der Wildhüter und ein zukünftiger Steinbockjäger das Gebiet gut kannten, beschlossen sie mit mir auf der Rückseite des Berges hochzuklettern. Leider musste mein Jagdbegleiter Hans zurückbleiben. Denn er sollte weiterhin die Böcke beobachten, falls diese eine andere Richtung einschlugen. Wir machten uns auf den Weg der uns zuerst in eine Schlucht und dann eine ziemlich steile Halde hinaufführte. Der Schnee war auf der Schattenseite sehr hart, dadurch konnte man wenigstens Stufen schlagen und sich in den Löchern mit den Händen hochziehen. Oben musste dann der ganze Schneehang überquert werden. Jeder Schritt  musste sorgfältig gesetzt werden. Zurückschauen durfte ich nicht mehr. Ich dachte nur, da gehst du nicht mehr runter, Bock hin oder her. Nach 2½ Std. waren wir auf dem höchsten Punkt.

  Gerda auf dem höchsten Punkt - ein herrliches Panorama...

Jetzt konnten wir auf der anderen Seite herunterschauen. Aber durch die vielen Felsen konnten wir nichts sehen.  Wir mussten warten, bis die Böcke auf die unteren Felsbänke auf die Weide kamen. Der Himmel war strahlend blau und die Aussicht auf die Bergwelt fantastisch. Wir assen etwas und tranken und warteten, nichts tat sich. Wir beschlossen zu warten bis die Sonne unterging und dann mit dem Abwind auf die unterste Felskante abzusteigen. Die Sonne wollte nicht untergehen. Keine Wolke am Himmel. Endlich 18:30 Uhr die letzten Sonnenstrahlen verschwanden hinter den Gipfeln. Jetzt  kam der Angriff. Wir gingen behutsam runter auf die Felskante zu. Der Wildhüter schaute zuerst und sah ein Bock unten stehen. Sofort machte ich mich bereit. Ich legte das Gewehr auf den Rucksack, aber der Bock war schon noch etwas weit weg. Ich nahm schnell den Distanzmesser und kam auf 155 Meter. Also, ich will es wagen. Sobald der Bock sich dreht werde ich schiessen.  Den Schuss konnte ich ganz ruhig abgeben, der Bock ist hinter dem Fels verschwunden. Ich bin überzeugt, dass ich ihn getroffen habe. In diesem Moment zeigt er sich wieder und fällt und  rutscht den Berg runter. Gottlob nicht zu weit. Jetzt muss alles schnell gehen, denn bis wir beim Tier ankommen, ist es bereits dunkel. Dank dem Schnee können wir ihn ziemlich weit hinunter ziehen und der Mond weist uns noch ein Stück den Weg bis zur Alp. Mittlerweile ist es 21:30 Uhr geworden. Müde, aber überglücklich laden wir den Steinbock ins Auto.

 

  Gerdas Steinbock...

 

Es waren für mich unvergessliche Tage in einer wunderschönen Bergwelt mit lieben Jagdfreunden. Ich möchte meinen Begleitern Hans und Marco nochmals ganz herzlich danken für ihre tatkräftige und moralische Unterstützung.

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